Die Gründung 1919


Schon kurz nach dem Ende des 1. Weltkrieges und der Ausrufung der Republik im Jahr 1918 wurde den Mittelschülern Koalitionsfreiheit zugestanden. Gestützt auf einen Erlass des Unterrichtsministeriums vom 30.07.1919 wurden nicht nur viele altbewährte katholische Pennalien, die im Kriege hatten sistiert werden müssen, reaktiviert sondern es wurden auch eine ganze Reihe neuer Mittelschulverbindungen ins Leben gerufen. Als deren Dachverband wurde der “Verband pennaler Verbindungen (VPV)” gegründet.

 

Es war nicht einfach, die Gedanken und Prinzipien katholischer Verbindungen in Wien durchzusetzen und zu verbreiten.

Die Idee zur Gründung der Verbindung Liechtenstein, ging von dem Bavaren Hans Harrant, der bereits zur Reaktivierung Bavariae beigetragen hatte, aus. Er interessierte im Sommer 1919 einige Bavaren und Herulen, die am 11.11.1919, in der Wohnung von Otto Fiedler, Wien 14., Prinz Karl Gasse 5 (heute Wien 15., Oelweingasse 5) die K.d.St.V. Liechtenstein gründeten.

 

Die Gründungschargen waren: Senior Giselher (Herulia), Konsenior Vol­ker (Bavaria), Schriftführer Lump (Bavaria), Kassier Ilsan (Herulia), Fuchsmajor Faust (Bavaria). Gründungsfüchse waren Artus und Fassl. Nach einigen Bandverleihungen saßen im Burschensalon fünf Bavaren und drei Heruler. Da es weder bei Bavaria noch bei Herulia einen dem entsprechenden Conventsbeschluss gab, wurde die Liechtenstein von keiner der beiden Verbindungen eine Tochterverbindung.

 

Der Name Liechtenstein wurde vorgeschlagen in Anlehnung an das uralte Geschlecht der Liechtensteiner und die Verehrung des damals regierenden Fürsten Johann II, einem der größten Mäzene Österreichs seiner Zeit. Als Farben wurden weiß-grün-silber, hellblaue Mützen und der Wahlspruch "Getreu allerwegen" beschlossen.

Siegel der Korporation

Einladungskarte zum Gründungskommers

19.XII.1919

Bbr. Bundeskanzler Carl Vaugoin


Die "Damenaffäre"


Die "Damen-Affäre", in die eine Anzahl von Liechtensteinern verwickelt war führte Liechtenstein in eine erste Krise. Es wurden zahlreiche Dimissionen verhängt. Der Betrieb kam zum Erliegen und es wurde im SS 1922 der Verbindungsbetrieb sistiert. Diese Verhältnisse blieben auch im Verband Pennaler Verbindungen (VPV) nicht unbemerkt und führten am 15.1.1922 zum Ausschluß Liechtensteins. Offiziell hieß es, dass Liechtenstein gegen das damals strikte Damenverbot bei Verbindungsveranstaltungen verstoßen hätte.

 

Die am 03.07.1922 gegründete Verbindung Borussia nahm sich des nunmehr verlassenen Gebietes Breitensee an. Obwohl dieser Bereich ein harter Boden für das katholische Couleurstudententum war, konnte Borussia dort immer mehr Fuß fassen und dabei noch anderen Verbindungen unter die Arme greifen.

 

Eine Bestimmung der Verbandssatzungen sah vor, dass eine sistierte Verbindung von der ihr örtlich am nächsten gelegenen VPV-Verbindung so bald wie möglich wieder zum Leben erweckt werden soll. Dies führte zur Reaktivierung Liechtensteins durch Borussia am 23.10.1924. Seit dieser Zeit sind unsere Farben blau-gold-grün (Fuchsenfarben blau-grün) mit nilgrünem Deckel sowie Burschen- und Fuchsenstrophe und Borussia als Mutterverbindung mit Sicherheit verbürgt.

 

Seitdem gibt es die bemerkenswerte Tatsache, dass die Tochterverbindung an Semestern älter ist als die Mutterverbindung. Die Bude der reaktivierten Liechtenstein war zunächst im Pfarrhof der Rochuskapelle in der Penzingerstraße 70, später in einem kleinen Häuschen im Garten der Pfarre Hietzing.

VPV & MKV


Bbr. Bundeskanzler Carl Vaugoin
Bbr. Bundeskanzler Carl Vaugoin

 

 Bis 1938 fanden unsere Kneipen im Jagdstüberl des gegenüberliegenden “Weißen Engel” (heute „Brandauers Schlossbräu“) statt, größere Veranstaltungen wurden im “Schönbrunner Keller” bei der heutigen Kennedy-Brücke abgehalten.

 

Liechtenstein wurde in dieser Zeit zu einer blühenden Verbindung. Die reaktivierte Liechtenstein wurde bereits am 18.12.1924 provisorisch in den VPV aufgenommen, die endgültige Aufnahme erfolgte am Pennälertag zu Pfingsten 1926.

 

Uneinigkeiten und innere Zerwürfnisse führten letztlich dazu, dass der Verband immer mehr an Bedeutung verlor, sodass es im Jahre 1931 zur Auflösung des VPV kam. Der Wunsch und das Bedürfnis nach einem Dachverband ging aber nie unter. Aus Anlass des “2. allgemeinen deutschen Katholikentages in Wien” wurde am 09.09.1933 von 78 Korporationen der “Verband der katholischen deutschen Mittelschulkorporationen Österreichs (VMK)” gegründet, der ab dem 29.06.1935 den Namen “Mittelschüler-Kartellverband der katholisch-deutschen-Studentenkorporationen Österreichs (MKV)” hatte.

Die Standarte des neugegründeten MKV


Liechtenstein war zu dieser Zeit eine blühende und sehr aktive Verbindung, die im Verband und auch in der Öffentlichkeit einen entsprechenden Stellenwert hatte. Zu den prominentesten Bundesbrüdern dieser Zeit zählte unter anderen Bbr. Bundeskanzler Carl Vaugoin.  Bis, ja bis 1938 das gewaltsame “AUS” kam. Liechtenstein blieb auch nicht von den Ereignissen der nationalsozialistischen Herrschaft verschont und wurde zwangssistiert. 

Die Zeit nach 1945


Nach Beendigung des 2. Weltkrieges ermöglichte das Vereinsreorganisationsgesetz vom 31.07.1945 auch die Reaktivierung der katholischen Studentenverbindungen. Während eine große Zahl an Wiener Verbindungen (darunter auch Borussia) schon 1945 und 1946 wieder zum Leben erweckt wurden, gelang dies bei Liechtenstein nicht; zu sehr waren die Bundesbrüder verstreut. Und wieder war es Borussia - die wegen der Besatzung bis 1954 den Namen “Babenbergia” tragen musste - die alle sich nach und nach wieder einfindenden Alten Herren der ehemaligen Liechtenstein vorübergehend bei sich aufnahm, wobei von vornherein die Absicht bestand, auch Liechtenstein zu reaktivieren, sobald die Voraussetzungen hierfür gegeben waren.

Reaktivierung 1957


Am 11.03.1957 beschloss der CC Borussiae die Reaktivierung durchzuführen. Als Wiedergründer wurden Roderich, Dr. Tacitus, Micky Maus, Caesar, v. Hannibal und Mohammed nominiert. Der Wiedergründungs-CC fand am 14.03.1957 statt, an dem neben den genannten Reaktivierungs-Burschen auch schon neun Alte Herren der alten Liechtenstein teilnahmen. Im Jahre 1957 verfasste Bbr. Roderich das neue Bundeslied.

Für das Sommersemester 1958 konnte das Chargenkabinett bereits teilweise mit Ur-Liechtensteiner besetzt werden, darunter war auch der spätere Kartell-Senior und Kartell-Vorsitzende des MKV, Dr.cer. Germanicus. Im Wintersemester 1958 war im Chargenkabinett lediglich der Senior Mickey Maus kein Ur-Liechtensteiner. Langsam aber stetig ging es bei Liechtenstein bergauf. 1959 wurde an Rechtsanwalt Dr. Adalbert Pauls v. David die Ehrenmitgliedschaft unserer Verbindung verliehen; mehrere Jahre diente uns sein Landhaus in Gablitz als “Sommerbude”.

 

Anlässlich des 40. Stiftungsfestes erhielt unsere Verbindung eine Fahne, die am 15.11.1959 geweiht wurde. Fahnenmutter und Fahnenpatin waren die Gemahlinnen der Alten Herren Harald und Otfried, die beide am 11. 11. 1959 zu Doctores cerevisiae promoviert wurden.


S.D. Bbr. Prinz Emanuel von Liechtenstein
S.D. Bbr. Prinz Emanuel von Liechtenstein

Am Pennälertag 1960 wurde Bbr. Nolly, 1. Kartell-Consenior. Unsere, von Borussia gegründete, Schwesterverbindung Austria Purkersdorf wurde in den MKV aufgenommen.

 

Der BC beschloss am 07.10.1960 u.a. die Bandverleihung an S.D. Prinz Emmanuel von und zu Liechtenstein, an den damaligen Kartellseelsorger Monsignore. Prof. Karl Fuchs v. Hildebrand. Die bis zu ihrem Tode bewiesene Treue zu Liechtenstein gerade der beiden letztgenannten Bundesbrüder hat nicht nur die damals getroffene Entscheidung voll gerechtfertigt, sondern uns auch liebenswerte und wertvolle Freunde gebracht.

 

Im Jahre 1962 wurde Bbr. Germanicus zum 2. Kartell-Consenior gewählt, Liechtenstein hat also immer wieder am Verbandsgeschehen aktiv und entscheidend mitgewirkt. Verstärkt wurde diese Aktivität noch dadurch, dass Germanicus 1964 zum Kartell-Senior gewählt wurde.

 

Liechtenstein hat auch die wechselvolle Zeit der kommenden Jahre überstanden. Im Sommersemester 1967 brachte AH Hagen unsere Verbindungszeitschrift “Der Liechtenstein” zu einer bisher nie da gewesenen Blüte, die oftmaligen Seniores Germanicus, Justus, Siegfried, Orest, um nur einige zu nennen, die Philisterseniores Dr. cer. Harald, Germanicus und Orest sorgten immer wieder für eine ersprießliche Kontinuität. Wenngleich das 50. Stiftungsfest eine würdige Feier war, so ging es doch erst ab etwa 1972 wieder aufwärts, es konnten einige Receptionen vorgenommen werden.

 

Liechtenstein wurde wieder aktiv, Philx Germanicus führte uns neue Bundesbrüder zu, die Bude wurde 1976 von Grund auf renoviert. An Dr. Herbert Schlifelner v. Fidelio und Herbert Reinelt v. Orest wurde für ihren Einsatz bei der Neugestaltung der Bude das Pro-meritis-Band verliehen. Unter dem mehrmaligen Senior Wulfila kamen auch Studierende des Piaristengymnasiums zu Liechtenstein. In den Jahren 1977 und 1978 wurden insgesamt 17 Receptionen verzeichnet. Auch war das 60. Stiftungsfest ein Ereignis, dessen sich Liechtenstein im Verband und in der Öffentlichkeit nicht zu schämen brauchte. Das gesamte Rahmenprogramm wurde von unserem AH Dr. Helmut Meelich v. Siegfried organisiert. Unter anderem gab es ein Simultan-Schachturnier mit dem russischen Jugendweltmeister, ein Fußballspiel gegen die Unter-21-Auswahl von Admira-Wacker sowie ein Auftritt einer Dixieland-Band. Liechtenstein dankte Siegfried durch die Verleihung eines Ehrenzipfes. Der Stiftungsfestkommers mit rund 150 Teilnehmern war ein weiterer Höhepunkte des 60. Stiftungsfestes.

 

Der 25. Jahrestag der Wiedergründung war im Sommersemester 1982 Anlass für eine  Festkneipe im Martinschlössel. Die sehr gut besuchte Veranstaltung hatte ihren Höhepunkt in einer aufschlussreichen Festrede, in der der Wiedergründungssenior Roderich an die schöne, aber auch schwere Zeit vor 25 Jahren erinnerte. Für die Philistrierungskneipen wurde ein neuer Comment geschaffen, nach welchem bereits Wulfila, Ascanius und Einstein philistriert wurden. Bestandteil eines solchen Festes ist dabei die Überreichung einer Biertonne. Germanicus wurde zum Dr. cer. promoviert.

 

Eine Fahrt in das Fürstentum Liechtenstein, war neben anspruchsvollen Wissenschaftlichen Abenden das Ereignis im Sommersemester 1983. S.D. Bbr. Prinz Emanuel ließ es sich nicht nehmen, elf Liechtensteiner durch Vaduz zu führen. Ein Empfang beim regierenden Fürsten Franz Josef II. krönte diese Reise.


Die neue Bude in Wien IV.


Anfang 1983 wurde das Mietverhältnis unserer Bude in der Ölweingasse im Hinblick auf den bevorstehenden Abbruch des Hauses gekündigt. Nach 26 Jahren in der Ölweingasse musste sich Liechtenstein nach einer neuen Bude umsehen.

Über Vermittlung unseres damaligen Philisterseniors Orest konnte eine geeignete Bude in Wien 4, Schaumburgergasse 17 gefunden werden. Bis zur Übersiedlung wurden einige Veranstaltungen in Ausweichlokalen abgehalten, daneben wurde aber emsig an der Adaptierung der neuen Bude gearbeitet.

 

Eine Abschiedskneipe inmitten einer Baustelle trennte uns im Sommer 1984 endgültig von der Ölweingasse, aber schon im folgenden Wintersemester konnte der 1. BC auf der Baustelle der neuen Bude durchgeführt werden. Mit dem Bezug des neuen Verbindungshaus kam auch das Verbindungsleben wieder in Schwung.

 

Für besondere Verdienste im Zusammenhang mit der Budenrenovierung wurde beschlossen, AH Orest zum Doctor cerevisiae zu promovieren und den AHAH Wulfila und Jimmy das Pro-meritsi-Band sowie den BbrBbr Lucullus, Einstein und Hamlet den Ehrenzipf der Verbindung zu verleihen. Dem Philx Dr.cer. Orest folgte in dieser Funktion wieder Dr.cer Germanicus.

 

Am 05.06.1986 wurde AH Fidelio, für besondere Verdienste, insbesondere im Hinblick auf die langjährige effiziente Führung der Altherrenkassa und der im MKV wohl einmaligen Standesführung, zum Doctor cerevisiae promoviert. Auch die Verbindungszeitschrift “Der Liechtenstein” wurde wieder zu einem echten Kommunikationsinstrument.

 

Der Pennälertag 1988 war für Liechtenstein insofern von besonderer Bedeutung, als unser damaliger Philistersenior Dr.cer. Germanicus an die Spitze des MKV berufen wurde. Neben dem Kartell-Vorsitzenden stellte Liechtenstein mit Dr.cer. Orest auch den Kartell-Organisationsreferenten, sowie mit Bbr. Achill den Kartellfinanzreferenten und mit Bbr. Hamlet den Couleur-Chefredakteur, was bei der kleinen Verbindung zehn Prozent der Urphilister ausmachte.

 

Ein Höhepunkt der Verbindungsgeschichte war das 70. Stiftungsfest. Mit einem Schiff, organisiert von AH Dr.Helmut Meelich v. Siegfried, reiste eine große Anzahl Kartell- und Bundesbrüder nach Budapest. In der technischen Universität wurde im Dezember 1989 die MKDE Danubia-Budapest, die erste couleurstudentische Korporation im ehemaligen Ostblock, gegründet. Auf der Heimreise wurde am Schiff der Festkommers gefeiert. Die guten Kontakte die Liechtenstein zu Ungarn hatte. Es fanden auch rege Besuche zwischen Wien und Budapest statt, wo es im Völkerkundemuseum den gesellschaftlich viel beachteten Danubia-Ball gab. 1994 waren Liechtensteiner maßgeblich an der Organisation des Pennälertages in Wien beteiligt. Im selben Jahr wurde ein umfangreiches 75. Stiftungsfest auf der Burg Lockenhaus gefeiert.    

 

In den kommenden Jahren wurde das Nachwuchsproblem wieder aktiv. Es konnten kaum Junge von der Verbindung überzeugt werden. Obwohl 1999 das 80.Stiftungsfest bevorstand wurde über die Sistierung der Aktivitas diskutiert. Aktive waren zwar vorhanden, aber keiner von ihnen brachte den nötigen Schwung, aber der Stiftungsfestkommers gemeinsam mit unserer Schwesternverbindung Danubia im Kursalon wurde im Wiener Stadtpark in einem gefüllten Festsaal geschlagen. Mit dem Ableben einiger AHAH in den letzten Jahren wurde AH Dr.cer. Germanicus, der 1957 recipiert wurde der älteste Urphilister. Jetzt machte sich die Lücke zwischen der Sistierung 1938 und der Reaktivierung 1957 schmerzlich bemerkbar.